Debunking Eco-Pop (V)

// erste Version 17 Nov 2014

Produktivität:

Werfen wir zuletzt noch einen Blick auf die Produktivität in der Schweiz. Von den Befürwortern der Eco-Pop Initiative wurde oftmals das Argument genannt, dass die Einwanderung zusätzlicher Arbeitskräfte zu keinem Wohlstandszuwachs pro Kopf führt (was gemäss vorangehenden Statistiken auch stimmt) sondern im Gegenteil durch ein Überangebot an Arbeit zu einem Fall der Produktivität dieses Produktionsfaktors führt. Dieser eigentliche Produktivitätsrückgang soll in diesem Beitrag widerlegt werden. Nehmen wir das BIP als Ausgangslage, stellen wir in der Schweiz ein konstant tiefes Produktivitätsniveau fest - vorallem im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn (dargestellt ist das BIP pro geleisteter Arbeitsstunde, gemäss OECD Statistik):

Das Bruttoinlandprodukt liefert allerdings nur ein verzerrtes Bild über die Schweizer Produktivität. Da es Leistungen von Inländern im Ausland nicht einrechnet, die Schweiz allerdings beinahe die Hälfte ihres BIPs auf Exporte zurückführt, ist hier eine genauere Betrachtung angebracht. Das sogenannte Bruttonationaleinkommen (BNE) misst dabei alle Dienstleistungen und Waren, welche durch inländische Produktionsfaktoren (Arbeit oder Kapital) erstellt wurden. Beispielsweise, falls ein Schweizer Unternehmen in einen ausländischen Produktionsstandort investiert, so erscheint dies nicht im BIP wohl aber im BNE.
Nun schaut die Schweizer Produktivität bereits wesentlich besser aus. Es muss allerdings festgehalten werden, dass diese Betrachtung nicht für alle Länder auf der Liste Sinn macht - sie zeigt einzig, dass es um die Produktivität in der Schweiz nicht so schlecht bestellt ist wie die eingangs gezeigte Grafik suggerierte (auch wenn die Schweizer Produktivität wohl keineswegs Weltklasse ist).

Das historische Wachstum des realen BNE pro Kopf in der Schweiz verdeutlich dass in der Folge der Personenfreizügigkeit kein Einbruch in der Produktivität statt fand:
... weder bei Produktivitätsrechnungen welche auf dem BNE (real) basieren (oben) noch auf dem BIP (real) (unten).

Die historischen Daten zeigen also das die Produktivität in der Schweiz weder tief ist, noch dass sie in der Vergangenheit gefallen ist. Stattdessen ist das deutlich höhere BNE gegenüber dem BIP ein Hinweis auf die extrem starke internationale Verflechtung der Schweizer Wirtschaft und die Wichtigkeit solider Rahmenbedingungen mit unseren wichtigsten Handelspartnern.

Rückblickend auf die vorangehenden Beiträge müssen wir mit Bezug auf das Lohnniveau mit Ernüchterung feststellen, dass das reale Lohnwachstum insgesamt stagnierte und höchstens in den höheren Lohnklassen zu einem Zuwachs führte. Die reale Zunahme des BIP pro Kopf ist auf die Zunahme in der Produktivität zurückzuführen und diese kommt wiederum jenen Arbeitnehmern zugute, welche in vorwiegend stark technologielastigen / technologiebasierten Branchen arbeiten. Aus individueller und durchschnittlicher Perspektive kann also kein Gewinn durch die Zuwanderung festgestellt werden. Andererseits werden die zusätzlichen Belastungen durch die Zuwanderung sehr deutlich: Durch überfüllte Züge, Staus auf Strassen, etc.

Es wäre nun aber fatal einen Umkehrschluss zu vollziehen und zu behaupten dass durch eine Verringerung der Zuwanderung lediglich die externen Effekte reduziert werden. Eine stark vernetzte und sehr internationale Wirtschaft kann durch eine Zuwanderungsbeschränkung viel stärker abbauen als lediglich um die zugewanderten Prozente. Vor allem in stark technologisierten Branchen, kann nur schon ein Fehlen einzelner Fachkräfte zu einem massiven Verlust an Umsatz führen und schnell zu einer Verlegung des Geschäftssitzes führen. Die 1-1 Korrelation zwischen Zuwanderung und Wirtschaftswachstum mag vielleicht für Berufe im Niedriglohnsegment stimmen, im Hochlohnsegment, welcher für einen sehr grossen Teil der Wirtschaftsleistung in diesem Land verantwortlich ist, stimmt dies allerdings nicht. Hier wäre der Rückgang der Wirtschaftsleistung mit Sicherheit beträchtlich grösser. Es zeigt sich hierbei ein deutliches Auseinanderklaffen zwischen den theoretischen, makroöknomischen Prämissen der Initianten (prozentuale Beschränkung der Zuwanderung führt zu prozentualer Steigerung der Produktivität) und der betriebswirtschaftlichen Realität (fortwährende Probleme die notwendigen Fachkräfte zu beschaffen führen zu einer mittelfristigen Verlagerung der Betriebsstätte ins Ausland).

Es ist meines Erachtens diese mangelnde Kenntniss der Zusammenhänge, welche dazu führt, dass eine Zuwanderungsbeschränkung in einem derart guten Licht präsentiert werden kann, dh: Eine reine Reduktion der negativen Effekte der Zuwanderung ohne Abbau in der Wirtschaft. In Tat und Wahrheit sicherte die Zuwanderung aber gerade den Arbeitnehmern immerhin den Reallohn und ohne sie wäre die Schweiz kaum so gut durch die internationalen Krisen der Vergangenheit gekommen.

BIP und BNE Historisch:

Quellen bfs:
je-d-04.02.03.xls
su-d-01.01.01.04.xls
su-d-05.02.10.xls
je-d-04.02.01.xls

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