Debunking Eco-Pop (VI): Die wahren Gründe

// erste Version 17/11/14

In den vorangehenden Beiträgen haben wir einige (meiner Meinung nach die wichtigsten) Prämissen der Eco-Pop Initiative widerlegt. Auch wenn diese Scheingründe für viele Befürworter im Mittelpunkt zu stehen scheinen, so stellt sich mir dennoch die Frage nach den wahren, tieferliegenden Gründen für die Popularität der Initiative, welche wir im ersten Beitrag bereits angedeutet haben.

Wie erleben gegenwärtig zwei fundamentale Veränderungen in der Schweiz (und auch in zahlreichen anderen Ländern), welche weder auf die Politik noch auf irgendeinen anderen (national kontrollierbaren) Aspekt zurückgeführt werden können: Die zunehmende Technologisierung des Alltages (insbesondere der Arbeitswelt) und die stetig wachsende Lebenserwartung zusammen mit einer sinkenden Geburtenrate (welches eine fortschreitende Überalterung der Gesellschaft zur Folge hat).

Die fortschreitende Überalterung der Gesellschaft durch den wachsenden Anteil der >50 jährigen an der Bevölkerung in der Schweiz zeigt sich schön an der folgenden Grafik. Diese demographische Entwicklung alleine wird direkt oder indirekt die Politik in diesem Land in den nächsten Jahrzehnten mehr prägen als irgend eine andere gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Veränderung.

Dies ist mehr als nur eine Randbemerkung. Diese gesellschaftliche Entwicklung ist meines Erachtens auch massgeblich an der hohen Zustimmung der Eco-Pop Initiative beteiligt. Mit zunehmendem Alter verändern sich die Ansprüche an das gesellschaftliche Leben, die Arbeitssicherheit rückt immer mehr ins Zentrum, zusammen mit einer steigenden Angst vor sozialem Abstieg (zb. durch Jobverlust). Zusammen mit der zunehmenden Technologisierung der Arbeitswelt, welche eine immer spezifischere Ausbildung verlangt haben wir so etwas wie einen Perfect Storm was den Gemütszustand der Bevölkerung betrifft. Einerseits wachsende Unsicherheit was die eigene Arbeitsstelle anbelangt (durch mangelnde Ausbildung, siehe Studie in Beitrag III) andererseits einen stetig ansteigenden Anteil der Bevölkerung, welche sich diesen Unsicherheiten ausgesetzt fühlt (siehe Grafik oben). Eine eigentliche Arbeistplatzverdrängung (welche gemäss Beitrag I nicht existiert) ist für die Entstehung dieser Ängste gar nicht vonnöten - die Zuwanderung (und gefürchtete Arbeitsplatzverdrängung) wird dennoch zur Projektionsfläche.

Wir haben es in diesem Land nicht mit einer ökonomischen oder gar ökologischen Krise zu tun wie sie die Eco-Pop Initiative heraufbeschwört. Es handelt sich nicht um eine Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen.

Nein, es handelt sich primär um eine mangelnde Erwachsenenbildung. Das Bildungssystem in diesem Land (wie auch in vielen anderen) hat nicht Schritt gehalten mit der rasanten technologischen Entwicklung der letzten 20 Jahre. Die Kluft zwischen den Anforderungen der Arbeitgeber und den Fähigkeiten der Arbeitnehmer wird jährlich grösser. Aus dem Schlussbericht des SECO zum Fachkräftemangel in der Schweiz:

Von Fachkräftemangel sind vor allem Berufe/Berufsfelder betroffen, die höher qualifizierte Arbeitskräfte nachfragen. Die Mehrzahl der Berufe und Berufsfelder mit Verdacht auf Fachkräftemangel weisen eine überdurchschnittliche Nachfrage nach gut qualifizierten Arbeitskräften auf: In neun der elf Berufsfelder mit vermehrten Anzeichen für Fachkräftemangel liegt der Anteil an tertiär ausgebildeten Erwerbstätigen über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von 33%. Am höchsten liegt der Anteil der tertiär ausgebildeten Erwerbstätigen bei den Ingenieurberufen (85%), in den Berufen des Unterrichts und der Bildung (73%) und in den Berufen der Informatik (60%). Unterdurchschnittliche Anteile an tertiär ausgebildeten Erwerbstätigen weisen von den elf näher betrachteten Berufsfeldern die Berufe des Baugewerbes und die Berufe der Reinigung, Hygiene und Körperpflege mit je 6% auf.

Vom Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien über den MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik)-Fachkräftemangel in der Schweiz:

«skill-biased technological change»: Seit 1950 hat sich die Anzahl offener MINT-Stellen fast verzehnfacht. Geht man davon aus, dass die natürliche MINT-Vakanzquote seit 1950 konstant bei 2.5% liegt, kann der Schluss gezogen werden, dass sich der Anteil der MINT-Fachkräfte am Total der Erwerbstätigen seit 1950 ebenfalls fast verzehnfacht hat. Diese Entwicklung reflektiert den tiefgreifenden Strukturwandel hin zu einer Technologie-affineren Wissensgesellschaft. Das Phänomen, dass sich die Produktionstechnologie dahingehend verändert hat, dass für den Produktionsprozess zunehmend mehr qualifizierte, insbesondere technisch qualifizierte und weniger unqualifizierte Arbeitskräfte benötigt werden, ist aus der ökonomischen Literatur bekannt und wird dort unter dem Stichwort «skill-biased technological change» diskutiert.

Die Verschärfung dieses Mangels lässt sich unschwer an der Lohnentwicklung erkennen:

Daher haben wir die Entwicklung der Real-löhne der MINT-Fachkräfte zwischen 2004 und 2008 einer detaillierten Analyse unterzogen. Tatsächlich sind die Reallöhne der MINT-Fachkräfte seit 2004 viel stärker gestiegen als der Durchschnitt aller Löhne: Während das reale Lohnwachstum aller Erwerbstätigen zwischen 2004 und 2007 nur gerade 0.6% betrug, sind die Löhne der MINT-Fachkräfte mit 3.3% real fast sechsmal so stark gewachsen. Der MINT-Arbeitsmarkt hat also auf die Verknappung an verfügbaren MINT-Fachkräften mit substantiellen Lohnsteigerungen reagiert. Der Markt scheint in dieser Hinsicht zu spielen.


Wenn wir in Zukunft eine Politik in diesem Land wollen, welche sich nicht nur für die Verwaltung des Status Quos einsetzt, welche sich nicht auf die Konservierung veralteter Welt-, Natur- und Lebensbilder beschränkt, wenn wir eine Politik wollen, welche mit Hoffnung an der Zukunft dieses Landes arbeitet und nicht ständig in Wehklagen verfällt, wenn wir eine Politik wollen, welche den jüngsten Mitgliedern dieser Gesellschaft eine Perspektive bietet, dann stimmen wir am 30. November nicht nur nein, sondern im Gegenteil: Wir begrüssen die fortlaufende Zuwanderung in dieses Land. Wir begrüssen die jungen Arbeitnehmer mit ihren Familien und Träumen, welche dieses Land mit Hoffnung beleben, nicht nur um an ihrer eigenen Zukunft zu arbeiten sondern an der Zukunft dieses Landes.

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